Je individueller die unterschiedlichen Zielsetzungen, Wertvorstellungen, Interessen, Annahmen und Sichtweisen der einzelnen Akteure sind und je abhängiger sie voneinander sind, weil zwei oder mehr Personen Macht übereinander haben, desto größer ist das Konfliktpotenzial. Mit anderen Worten, dort, wo der Grad der Individualität und Abhängigkeit hoch ist, kann es leicht zu Vorfällen kommen, dass einer den eigenen Willen gegen den Widerstand anderer durchsetzen will.

Die Herausforderung ist, diese Vorfälle zu handhaben. Wenn solche Krisen geschickt gehandhabt werden, wenn also echte Führungsfähigkeiten vorhanden sind, sind destruktive Machtkämpfe nahezu vermeidbar. Im Gegenteil, die Vielfalt der Wahrnehmung kann genutzt werden und man kann das Beste aus einem Konflikt machen. In erfolgreichen Unternehmen wird z.B. durch Teamarbeit in Projektgruppen das Ausmaß von Individualität, Abhängigkeit und Konflikten oft vorsätzlich groß gehalten. Das Management schafft bewusst scheinbar unklare Organisationsstrukturen und zwingt die verschiedenen Unternehmensbereiche aufeinander einzuwirken. Ihm ist durchaus klar, dass dadurch Konflikte entstehen, die noch mehr Probleme und Herausforderungen mit sich bringen. Aber es hat auch erkannt, dass konstruktive Konfliktlösungen dazu beitragen, eigenständig zu denken, kreativ Probleme zu lösen und Produkte und Dienstleistungen erheblich zu verbessern. Und es weiß, dass das Unternehmen, dadurch wettbewerbsfähiger, flexibler und anpassungsfähiger wird.

Schwache Führungskräfte, die ihre Macht ungenutzt lassen, sind nicht in der Lage Konflikte, also die Vielfalt der Wahrnehmung im besten Fall zu nutzen sondern das Gegenteil ist sogar der Fall. Sie sind noch nicht mal in der Lage, Konflikte wenigstens konstruktiv zu lösen. Stattdessen sind unter anderem destruktive Machtkämpfe die überhandnehmende Antwort auf Konflikte. Angekommen im Teufelskreis leidet durch die Energieverschwendung die Effizienz und die Distanz zwischen den Mitarbeitern wächst. Dies führt zu noch mehr Konflikten und Krisen, gefolgt von pathologischen Machtprozessen. Machtkämpfe verringern die Leistungsfähigkeit, steigern die Kosten, töten die Innovationskraft, vergrößern die soziale Distanz und lähmen alle Betroffenen. Wenn es der Führung eines Unternehmens gelingt, Konflikte zu lösen oder sogar zu nutzen, hat es beachtliche Vorteile. Die Führung profitiert von individueller Ideenfindung, kreativer Problemlösung, innovativer Produkt- und Serviceleistungen, wodurch das Unternehmen wettbewerbsfähiger, reaktionsfähiger und die Arbeit für Führungskräfte und Mitarbeiter interessanter wird. 

 

 

(Vgl. Kotter: 1989)